Das Leben selbst führt uns
nach und nach, von Fall zu Fall,
zu der Wahrnehmung, dass
alles das, was uns für unser Herz
oder für unseren Geist das Aller-
wichtigste ist, uns nicht durch
vernunftmäßige Überlegung
zuteil wird, sondern durch
andere Mächte.

Marcel Proust
1871 - 1922

Lost Places: Die Schönheit des Morbiden.

Die Welt ist im Wandel - stetig und unaufhaltsam. Nicht wird bleiben wie es einmal war. Die Veränderungen sind so grundlegend, dass wir uns in ein paar Jahren die Augen reiben werden und wundern, was die Zeit uns dann alles zu bieten hat.

Doch diese Transformation schaffen nicht alle. Wie üblich haben solche Entwicklungen etliche Gewinner und leider auch zahlreiche Verlierer. Etliche Unternehmen schliddern selbst oder durch Dritte verschuldet ins Unglück. Sie schaffen es nicht, mit dem Wandel schritt zu halten oder versuchen dem Neuen mit den Rezepten vergangener Zeiten zu begegnen. Wie auch immer ... im besten Fall werden diese Firmen von anderen Eigentümern aufgekauft und weitergeführt. Im schlimmsten Fall müssen sie aufgaben.

Just dieser stetige wirtschaftliche Wandel und seine Verlierer sind Ausgangspunkt meiner fotografischen Erkundungen. Das hört sich vielleicht makaber an. Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Mich interessiert das was übrig bleibt, wenn alles in Vergessenheit geraten ist. Mich interessieren sogenannte Lost Places - also alte Fabriken, die schon vor Jahren aufgegeben wurden, verlassene Bergwerke, einsame Wohn- und Herrenhäuser, schlummernde Sanatorien oder verwaiste Freizeitparks.

Für viele Menschen sind Lost Places ein Schandfleck. Ihrer Ansicht nach müssen diese verlassenen und verfallenen Orte dringend beseitigt werden. Abriss ist für sie die einzige Lösung. Denn sie sehen nur Bruch, Trümmer und Verfall. Ich finde jedoch, dass diese Menschen nicht richtig hinsehen. Ein zweiter Blick würde ihnen helfen. Denn Lost Places haben deutlich mehr zu bieten. Sie zeigen was der "Zahn der Zeit" anrichten kann und welche bizarren Dinge er hervorbringen kann, wenn er kann wie er will. Glücklicherweise Weise scheine ich mit dieser Sichtweise nicht ganz allein zu sein. Es gibt immer mehr Fotografen, die das ähnlich sehen und sich brennend für die "Schönheit des Morbiden" interessieren. Zugegeben: Des einen Freud ist des anderen Leid. Dieses gilt im übertragenen Sinne. Der Besucherdruck aktueller Hotspots der Szene ist teilweise derart hoch, dass sich Urban Explorer vor Ort inzwischen die Klinke in die Hand geben. Und leider sehen viele Besucher einen Lost Place als eine Einladung an, ihre Zerstörungswut dort auszuleben. Aber dazu gleich mehr.




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Urban Exploring - Lost Place - Fotografie


Lost Place: Take nothing but pictures. Leave nothing but footprints.

Vor etlichen Jahren waren Urban Explorer noch unter sich. Sie waren eine kleine und verschwiegene Gemeinschaft. Halfen sich untereinander, neue Lost Places ausfinden zu machen – sprachen aber nicht mit Dritten über die Locations. Sie zeigten ihre Bilder und erfreuten sich an den Arbeiten der Freunde. Das war einmal. Heute ist es hip, auf Urbex-Tour zu gehen. Die Szene hat sich kommerzialisiert. Es gibt etliche Bildbände und Homepages, die recht freizügig mit einst vertraulichen Informationen umgehen. Einige Fotografen verkaufen sogar ihre Locations. Man kann den Zahn der Zeit nicht aufhalten. Das ist halt so. Doch ein Punkt stört mich bei dieser Entwicklung ganz gewaltig. Der Ehrencodex der Urban Explorer, den angeblich alle Fotografen auch weiterhin befolgen, ist in Vergessenheit geraten. Take nothing but pictures – leave nothing but footprints.




Lost Place - Urban Exploring - Fotografie | Location: Papierfabrik Hermes

LOST PLACE in Belgien: Power Plant IM

Drei Kinder hat die Zeit, sie heißen Zukunft, Gegenwart, Vergangenheit.
Es sind alles Schwestern, sie heißen Morgen, Heute, Gestern.
Die Fehler der Vergangenheit werden uns von der Zukunft entgegengeschleudert.
Je älter der Mensch, je länger das Gestern,
je intensiver das Heute, je kürzer das Morgen.
Vergangenheit heißt erinnern,
Gegenwart heißt erleben,
Zukunft heißt erwarten.

Monika Kühn-Görg
*1942

Urban Exploring - Lost Place - Fotografie


Lost Place: Orte, die mit Vorsicht zu genießen sind.


Man könnte fast meinen, dass Urban Exploring bzw. das Erkunden von Lost Places heute zum medienbegleiteten Volkssport geworden ist. Es gibt fast kein Nachrichtenmagazin, welches nicht in wiederkehrenden Abständen auf deren Homepage eine entsprechende Reportage mit einem offenherzigen Urban Explorer bringt. Entsprechend viele Hobbyfotografen eifern diesen "Vorbildern" nach. Leider ist das nicht zum Wohl der Locations. Möchte man heute ein Lost Place im (fast) ursprünglichen Zustand erkunden, muss man ihn direkt aufsuchen. Einige Wochen später ist nämlich nur noch die Hälfte des Inventars vorhanden und die übrige Hälfte wurde durchwühlt und zerstört. Es bietet sich einem ein meist trostloser und trauriger Anblick.

Gesprächen mit anderen Urbex-Explorern entnehme ich immer wieder eine gewisse Unbedarftheit. Ihnen ist häufig nicht klar, welches Risiko sie eingehen. Und dies im mehrfachen Sinn. Sie schlendern sorglos durch die Location und sind sich häufig nicht im Klaren darüber, dass viele dieser Bauwerke mehr als einsturzgefährdet sind.


Treppen könne brüchig sein und es lohnt durchaus der Blick gen Zimmerdecke, um deren Zustand zu erkunden - erst recht, wenn man anschließend in das darüber gelegene Stockwerk möchte. Viele denken auch, dass die offene Haustür als Einladung zu verstehen ist. Sie sind verwundert, wenn sie erfahren, dass sie Hausfriedensbruch begehen. Zum Glück muss diese vom Eigentümer angezeigt werden (was leider auch mit zunehmender Häufigkeit passiert). Besonders schlimm wird es, wenn sich einige Fotografen gewaltsam Zutritt zur Location verschaffen. Schnell ist mal die marode Tür aufgebrochen, damit man sich am Inneren des Lost Places ergötzen kann. Und schnell würde die Polizei mit einer Anzeige parat sein, wenn man den Urbexer dabei erwischt. Denn Einbruch ist ein Offizialdelikt. Heißt: Es wird auch ohne Anzeige des Eigentümers verfolgt. Ups. Das kann ist Auge gehen.

Ich bitte daher jeden Fotografen, sich an den Ehrencodex der Szene zu halten und rate jedem Interessierten an Lost Places zu großer Vorsicht.


Urban Exploring - Lost Place - Fotografie

Scheint dir auch mal das Leben rauh,
sei still und zage nicht,
die Zeit, die alte Bügelfrau,
macht alles wieder schlicht.

Wilhelm Busch
1832 - 1908

Lost Place - Urban Exploring - Fotografie | Location: Maison Limi - Belgien

LOST PLACE in Belgien: Maison Limi

Die gute Zeit fällt nicht vom Himmel,
sondern wir schaffen sie selbst;
sie liegt in unseren Herzen eingeschlossen.

Fjodor Michailowitsch Dostojewski
1821 - 1881

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