Geisterstadt
Doel


Am grauen Strand, am grauen Meer
Und seitab liegt die Stadt;
Der Nebel drückt die Dächer schwer,
Und durch die Stille braust das Meer
Eintönig um die Stadt.

Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai
Kein Vogel ohne Unterlass;
Die Wanderganz mit hartem Schrei
Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei,
Am Strande weht das Gras.

Doch hängt mein ganzes Herz an dir,
Du graue Stadt am Meer;
Der Jugend Zauber für und für
Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir,
Du graue Stadt am Meer.

Theodor Storm
1817-1888


Doel - eine Geisterstadt mit großer Berühmtheit

Wirklich ansehnlich war das kleine Örtchen Doel im belgischen Flandern noch nie. Es ist eingekesselt von den Kühltürmen eines der beiden Atomkraftwerke Belgiens und den Ausläufern des Containerhafens Antwerpens – dem drittgrößten Hafen dieser Art in Europa. Und dennoch ist es schon seit Jahren ein Hotspot für Fotografen aus aller Herren Länder. Gut möglich, dass man bei einem Rundgang und an einem sonnigen Tag dort auf einen Schlag Fotografen aus Holland, Belgien, Frankreich und Deutschland trifft. Sie alle schlendern (mehr oder weniger) bedächtig durch den 400 Jahre alten Ort, bleiben mal hier und mal da stehen, um ihre Eindrücke festzuhalten.

Was sie anzieht? Nun: Doel gilt gemeinhin als Geisterstadt. Die meisten Einwohner gaben schon vor Jahren Haus und Hof auf. Ihre Häuser wurden verriegelt und verrammelt. Sie verfallen nach und nach. Zwischendrin findet man dann immer mal wieder einen gepflegten Vorgarten der Ausharrenden. Oder soll ich vielleicht eher sagen … der Hoffenden. Doch worauf hoffen Sie!? Das sich das Rad der Zeit zurückdreht? Undenkbar.

Lost Place - Geisterstadt Doel

Rundgang durch die Geisterstadt Doel im Juni 2011.

Mein Besuch der Geisterstadt Doel im Juli 2015.


Vor fast 20 Jahren beschloss die flämische Regierung, dass dort, wo das kleine Örtchen Doel liegt, weitere Docks des Containerhafens von Antwerpen entstehen sollen. Über vier Kilometer lang und mehr als einen halben Kilometer breit – einer der größten Containerdocks in Europa. Damit möchte man die Tiefsee-Containerschiffe aus Asien anlocken, die heute Rotterdam anfahren.

Es ist also der morbide Charme dieses Örtchens, welcher auf die Menschen eine solche hohe Anziehungskraft ausübt. Sie laufen durch die Gassen und fotografieren förmlich jedes Detail. Eine verschlossene Tür hier, ein kaputtes Fenster dort. Ein paar vertrocknete Blumen. Und natürlich interessieren sie sich für die Graffitis, für die der Ort inzwischen auch berühmt ist. Sie fotografieren mit einer Mischung aus Sensationslüsternheit und Schaulustigkeit.

Ich kann nicht sagen, was in den Köpfen der noch gut dreißig Menschen vorgeht, die noch immer in Doel ausharren. Sie halten stoisch an ihrem Hab und Gut fest, während alle anderen Einwohner in den letzten Jahren nach und nach ihr Heim aufgaben, in eine andere Gegend zogen und Doel immer mehr zu dem wurde was es heute ist: Eine Geisterstadt, die ständig neue Heerscharen Schaulustiger anzieht.


Mein bisherigen Besuche der Geisterstadt Doel:

Juni 2011 und Juli 2015

Das Schicksal der Geisterstadt Doel:
Frankfurter Rundschau
Spiegel Online