Geisterstädte
Verlassene Ortschaften
Lost Places


Wer aus seiner Heimat scheidet,
ist sich selten bewusst,
was er alles aufgibt.
Er merkt es vielleicht erst dann,
wenn die Erinnerung daran eine Freude
seines späteren Lebens wird.

Gustav Freytag
1816 - 1895


Zehn eindrucksvolle Geisterstädte und Lost Places

Ich werde immer wieder gefragt, welches für mich die eindrucksvollsten Geisterstädte oder Lost Places waren, die ich bisher besuchte. Nun ja, eine solche Auswahl zu treffen ist für mich ein schwieriges Unterfangen. Denn es gab so viele Lost Places, die ich in den letzten Jahren beispielsweise in Belgien, Deutschland oder Frankreich besuchte. Und sie alle haben mich beeindruckt. Jeder halt auf seine Weise. Wenn ich aber muss, dann ist das meine persönliche Bestenliste. Interessant ist, dass es gar nicht immer die Locations mit "aufwendigem Zugang" waren, sondern teilweise Orte, die ich frisch und frei (bzw. mit ausdrücklicher Erlaubnis des Eigentümers) besuchen konnte.

Vielleicht ist diese kleine Überraschung, die sich mir bei meiner Auswahl bot, ganz hilfreich für Dich. Einige der genannten Orte sind noch heute zugängig und Du kannst sie Dir bei Interesse selbst ansehen. Dieser Nutzwert wird wahrscheinlich auch meine persönliche Rangreihe von den üblichen Bewertungen unterscheiden. Natürlich finde ich Lost Places in den USA, in Japan, Indien, der Ukraine und anderen weit entfernten Ländern auch besonders spannend. Und natürlich würde ich viel dafür geben, mir diese besonderen Orte einmal anzusehen. Aber ich war halt noch nicht da und es auch nicht absehbar, dass ich dahin aufbrechen werde. Wahrscheinlich wie jeder von uns ...

Lost Place / Geisterorte: TOP-10

Platz 1: Stadt der Toten


Die Stadt der Toten ist für eindeutig auf Platz 1. Selten habe ich einen derart eindrucksvollen Ort besucht. Eigentlich handelt es sich bei dieser Location um eine alte Kapuzinergruft auf Sizilien (Italien). Über Jahrhunderte hinweg bewahrte das Kloster hier ihre verstorbenen Mönche auf. Irgendwann gesellten sich auch Bürger hinzu, deren Familien den Mönchen einen angemessenen (also hohen) Preis für das aufbahren ihrer Familienangehörigen bezahlten. Nach und nach wuchs die Sammlung mumifizierter Leichen, so dass man heute von einer unterirdischen Stadt der Toten mit hohem Gruselfaktor sprechen kann.

Lost Place - Geisterorte - Staddt der Toten - Sizilien - Italien

Geisterort - Stadt der Toten - Italien


Platz 2: Geisterstadt Immerath


Ich hatte viel über das traurige Schicksal der Gemeinden Immerath in den Zeitungen gelesen. Vom Kampf der Menschen, die sich gegen den Abriss ihres Heimatdorfes gegen die anscheinend übermächtige und von der Politik unterstützten RWE wehrten. Ich wusste auch, dass ihr jahrelanger Kampf vor Gerichten und mittels Demonstrationen auf der Straße letztlich erfolglos war. 2014 folgte ich dann einer plötzlichen Eingebung und schaute mir die Geisterstadt Immerath an. Die vielen Gespräche mit den verzweifelten Menschen hatte mich tief beeindruckt. Fortan besuchte ich Immerath immer mal wieder. Ich sah mit an, wie mit der Zeit die einzelnen Straßenzüge und schicken Wohnhäuser verschwanden. Ich sah riesige Schuttberge und traurige Menschen, die fassungslos auf das vernichtende Werk der Bagger schauten.

Es ist also selbstredend, dass Immerath zu meinen TOP-10 gehört.
Weitere Impressionen: Geisterstadt Immerath.

Lost Place - Geisterstadt Immerath - Nordrhein-Westfalen - Deutschland

Geisterstadt - Gemeinde Immerath - Deutschland


Platz 3: Geisterfestungen der Maginot-Linie


Ein düsteres Kapitel des letzten Jahrhunderts. Kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs musste Frankreich sich selbst attestieren, dass die Kämpfe zuvor eine komplette Generation ausgelöscht hatten. Es gab nicht mehr genug Soldaten, mit denen man die Landesgrenze zum Erbfeind hätte verteidigen können. Gleichzeitig erstarkte dieser ... und es deuteten sich früh die Schrecken des Dritten Reichs an. Also beschloss man, entlang der der Grenze einen Verteidigungs- und Festungswall zu errichten, der einerseits von wenigen Soldaten gehalten werden konnte und andererseits so modern und mächtig war, dass die Deutschen ihn nicht hätten überwinden können.

Die Geschichte kam anders: Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs überrannten die deutschen Truppen erst die Beneluxländer und drangen nördlich in Frankreich ein - an einer Stelle, mit der niemand rechnete und wo es auch keine Verteidigungsanlagen gab. Was dann folgte, war für die Franzosen abermals ein Trauerspiel. Die Deutschen drangen tief ins Hinterland ein, griffen die Maginot-Linie von der nicht geschützten Rückseite an und nahmen gleichzeitig Paris. Frankreich fiel nach wenigen Wochen . Die Maginot-Linie musste den Deutschen übergeben werden. (siehe auch: www.festungen.info - das ist meine zweite Homepage, die sich speziell mit solchen Themen befasst.)

Lost Places - Geisterorte - Verlassene Festungen der Maginot-Linie - Frankreich

Geisterorte - Festungen und Bunker der Maginot-Linie - Frankreich


Platz 4: Geisterschule École Labyrinth


Denke ich an diese Fototour mit Freunden zurück, bekomme ich noch immer eine Gänsehaut. Selten hat mich ein Lost Place derart fasziniert wie die legendäre École Labyrinth. Diese langen Gänge. Mit bloßem Auge war das Ende fast nicht zu erkennen. Diese ehemalige Schule in Belgien war ein absolutes Highlight.

Eröffnet wurde Sie zwischen den beiden großen Kriegen. Anfangs war es eine Schule für Kinder mit leichter Behinderung. Sie hatten ihre Schlafräume in den Seitentrakten, die von dem langen Gang abführten. Später wandelte sich der Bestimmungszweck. Man ging zwar noch immer einer Lehrtätigkeit nach, aber diesmal waren es Studenten der landwirtschaftlichen Fakultät, die hier lernten und lebten. Ich besuchte diese Schule nach ihrer Schließung und konnte bereits sehen, dass das Gelände neu strukturiert wurde. Keine Ahnung, in welchem Zustand sich die École Labyrinth heute befindet. Mir reichen die spektakulären Eindrücke, die ich mitnehmen durfte.

Ganz klar: Position 4 meiner persönlichen Bestenliste.

Lost Place - Geisterort - École Labyrinth - Belgien

Geisterschule - École Labyrinth - Belgien


Platz 5: Geisterstadt Borschemich


In gewisser Weise ist die Geisterstadt Borschemich in Nordrhein-Westfalen den "Schicksalszwilling" von Immerath - eben nur nicht so bekannt und der Abriss dieser Gemeinde ist deutlich weiter vorangeschritten. Bitter fand ich, dass sich zuletzt ein wahrer "Abrisstourismus" entwickelte. Ziemlich fassungslos musste ich einmal die Ankunft eines Reisebusses beobachten, aus dem mehr oder weniger rüstige Rentner ausstiegen und mit lauten Aaahs und Ohhs durch den verlassenen Ort schlenderten. Heute gehe ich davon aus, dass von Borschemich nicht mehr viel zu sehen sein wird (Stand: März 2018). Mein letzter Besuch ist schon etliche Monate her. Und ich durfte seinerzeit den Grund der Gemeinde schon nicht mehr betreten. Die wachsamen Augen des Wachschutzes und der Polizei ruhten auf mir. Damals war der Tagebergbau schon bis in den Ort vorgedrungen und die letzten Häuser wurden dem Erdboden gleich gemacht.

Wenn Du an weiteren Impressionen interessiert bist, folge einfach dem Link: Geisterstadt Borschemich.

Lost Place - Geisterstadt Borschemich - Nordrhein-Westfalen - Deutschland

Geisterstadt - Gemeinde Borschemich - Deutschland


Platz 6: Geisterfestung Domgermain


Frankreich hat bei seiner Landesverteidigung schon immer auf massive Festungen gesetzt, was auch den Bau der zuvor genannten Maginot-Linie erklärt. Die Festung Domgermain wiederum wurde bereits im 19. Jahrhundert errichtet und war Teil eines riesigen Festungsgürtels, der sich zwischen Verdun im Norden und Belfort im Süden erstreckte. Die Franzosen nannten diese Anlage, die aus hunderten Bauten und etlichen Festungsanlagen bestand Barrière de Fer, was so viel wie Barriere aus Eisen heißt. Sie waren überzeugt davon, dass sie einen wirksamen Schutz gegen Übergriffe des Erbfeindes Deutschland darstellt. Die Geschichte kam auch hier etwas anders als gedacht: Die Festungen der Barrière de Fer hatten zwar im Ersten Weltkrieg abschreckende Wirkung, verhinderten ihn aber nicht. Und die blutrünstigen Stellungskriege fanden meist an anderen Stellen statt - wo es solche Festungen gar nicht gab. Einzige Ausnahme dabei ist Verdun. Bei dieser Schlacht spielten die im 19. Jahrhundert errichteten Festungen durchaus eine wesentliche Rolle.

Wenn Du weitere Informationen zum Thema möchtest oder an weiteren Aufnahmen interessiert bist, schaue Dir bitte die Seite www.festungen.info an.

Lost Place - Geisterorte - Festung Domgermain - Frankreich

Geisterort - Festung Domgermain - Frankreich


Platz 7: Freizeitpark Spreepark


Der Spreepark ist wohl einer der Klassiker unter den Lost Placesund inzwischen anscheinend zu einer morbiden Touristenattraktion verkommen. Eröffnet wurde der Freizeitpark im Jahr 1969 – damals nannte man ihn noch Kulturpark Plänterwald. Er war die erste Attraktion dieser Art in der ehemaligen DDR und erstreckte sich über eine Fläche von fast dreißig Hektar. Nach der Wende wurde das Unternehmen (wie man so schön sagte) abgewickelt. Heißt: Der Freizeitpark wurde an den Schaustelle Norbert Witte verkauf, der ihn fortan unter dem Namen Spreepark weiterführte. Nach und nach investierte er in neue Attraktionen. Der neue Eigentümer verwandelte diesen Vergnügungspark grundlegend, was die Menschen honorierten. 1,5 Millionen Besucher kamen und genossen die Stunden der Abwechslung. Anfangs schien seine Idee auch aufzugehen. Doch bereits zehn Jahre nach seiner Wiederöffnung (nach der Wende) begannen die finanziellen Schwierigkeiten. Die Insolvenz folgte 2001.

Lost Place - Geisterorte - Freizeitpark Spreepark - Deutschland

Geisterort - Freizeit- und Vergnügungspark Spreepark - Deutschland


Platz 8: Geisterbahnhof - Friedhof der Lokomotiven


Meine persönliche Bestenliste neigt sich langsam dem Ende zu. Ich bin bei Platz 8 angekommen. Es ist der Friedhof der Lokomotiven. Ein Geisterbahnhof, auf dem man nach Lust und Laune herumstreichen kann, um sich die vielen alten Schnaufer im Detail anzusehen. Sie stehen irgendwo im Nirgendwo - jedenfalls nicht in der Nähe einer großen und zentralen Werksanlage der Deutschen Bundesbahn. Ein alter Mann hat sie in jahrelanger Arbeit zusammengetragen und zeigt einem seine Schätze, wenn man ihm dafür ein paar Geldstücke gibt. Er hat viel über die verschiedenen Lokomotiven zu berichten und ich kann jedem Besucher nur einen ausgiebigen Plausch mit ihm empfehlen. Es lohnt sich, wenn man etwas über die Geschichte der Eisenbahn im Allgemeinen und die Geschichte seiner Schmuckstücke im Speziellen erfahren möchte. Ich verbrachte Stunden um Stunden auf dem Werksgelände, um mir jedes Prachtstück einmal etwas genauer ansehen zu können.

Lost Place - Friedhof der Lokomotiven - Deutschland

Geisterbahnhof - Friedhof der Lokomotiven - Deutschland


Platz 9: Leuchtturm Rubjerk Knude


Was für ein wundersamer Ort - ein Geisterort ganz nach meinem Geschmack: Der ehrwürdige Leuchtturm Rubjerk Knude in Dänemark. Einst wies er den Seefahrern den richtigen Weg. Sein Leuchtfeuer war über 40 Kilometer auf See zu sehen. Das war Anfang des letzten Jahrhunderts. Damals bestand die gesamte Anlage allerdings nicht nur aus dem Leuchtturm, sondern weiteren Häusern in unmittelbarer Nähe, wo unter anderem die Familie des Leuchtturmwärters und des Mechanikers untergebracht waren. Hübsche Gemüsegärten säumten die Gebäude und wurden von den Familien bewirtschaftet.

Doch das Schicksal meinte es nicht gut mit Rubjerk Knude. Ab 1910 blies der Wind große Mengen Sand von der nahe gelegenen Steilküste herauf. Es bildete sich eine Düne. Der Sand drang nach und nach in die umliegenden Häuser des Leuchtturms ein und machten sie unbewohnbar. Wie von Geisterhand häufte sich immer mehr Sand an, sodass die Gebäude unter ihm ertranken. Bald war nichts mehr von ihnen zu sehen – lediglich einige Dachziegel deuteten ihre Position an. 1968 musste der Betrieb des Leuchtturms eingestellt werden. Während man in den Jahren und Jahrzehnten zuvor noch versuchte, das Wandern des Sandes aufzuhalten, stellte man diese Bemühungen mit der Aufgabe des Leuchtturms ebenfalls ein. Seither wurde zum Spielball von Wind, Wetter und eben diesem Sand. Irgendwann tauchten die umliegenden Gebäude wieder auf … natürlich unter der Last des Sandes zerstört. Inzwischen geht man davon aus, dass der Leuchtturm selbst bald verschwunden sein wird. Die Abbruchkante der Düne ist inzwischen so nah, dass das Gebäude beim nächsten, heftigen Wintersturm abgetragen wird.

Lost Place - Leuchturm Rubjerg Knude

Geisterort - Leuchtturm Rubjerk Knude - Dänemark


Platz 10: Zoologischer Garten von Tbilisi


Last but not least komme ich also zum Platz 10 meiner persönlichen Bestenliste. Es ist der zoologische Garten von Tbilisi - der Hauptstadt von Georgien. Einst war er der Anziehungspunkt für Jung und Alt. Löwen, Elefanten und weitere Exoten konnten hier bestaunt werden. Dann kam es zu einer großen Katastrophe. Ein nahe gelegener Fluss trat seine Ufer und überschwemmt das gesamte angrenzende Stadtgebiet. Etliche Menschen kamen dabei tragisch ums Leben.

Da sich auch der Zoo in der Nähe befand, ereilte ihnen das gleiche Schicksal. Viele Tiere mussten qualvoll in ihren Käfigen verenden. Einige von Ihnen schafften es jedoch in die Freiheit. Die Welt nahm damals rege Anteilnahme an ihrem Schicksal. Sicher kannst Du Dich noch an die Medienberichte erinnern. Sie zeigten einen freilaufenden weißen Tiger mitten in der Innenstadt von Tbilisi. Und den armen Bären, der völlig verstört auf dem Dach einer Garage kauerte. Aber in Tibilisi konnte man auch Freundschaft mit einem ausgebrochenen Wolfsrudel. Ach ja. Ein Nilpferd schlenderte ebenfalls durch die Gassen der Innenstadt. Viele von ihnen wurden von der Polizei eingeschläfert. Wenige von ihnen konnten wieder eingefangen werden, um sie danach in einen anderen zoologische Garten unterzubringen.

Lost Place - Zoologischer Garten von Tibilisi

Geisterzoo - zoologischer Garten von Tbilisi - Georgien